Eine eisenzeitliche Siedlung bei Vogelbeck, Stadt Einbeck, Kreis Northeim

Archäologische Ausgrabungen bei Vogelbeck im Jahre 1984

Unter schwierigsten Bedingungen wurde im Jahre1984 in der Gemarkung Vogelbeck "Auf dem Nahwege" eine archäologische Ausgrabung durchgeführt. Die Rettungs-Ausgrabung dieser vorgeschichtlichen Siedlungsstelle war notwendig geworden, weil der hier anstehende Sandstein als Filterschicht in den Damm des Leinepolders eingebracht werden sollte.

 

alt

 

Eingriffe in die Natur auf großen Flächen wie hier bei Vogelbeck gab es von 1970 bis etwa 1986 häufig in Südniedersachsen: Bau des Leinepolders, Kiesabbau, die Bundesbahntrasse Hannover-Würzburg, B3 Umgehungsstraße Einbeck, Umgehungsstraße bei Kalefeld usw.

Eingriffe in vorgeschichtliche Siedlungsstellen, sei es unkontrolliert durch den Bagger oder durch die Archäologen, haben in der Regel auch die Zerstörung der archäologischen Fundstellen zur Folge. Wobei durch unkontrolliertes abbaggern einer Fundstelle meist alle aussagefähigen Funde und vor allem Befunde verloren gehen. Archäologische Ausgrabungen zerstören auch aber es werden wichtige Erkenntnisse über die Siedlungsweise und Lebensverhältnisse aus früheren Zeiten gewonnen und dokumentiert. Sie bleiben so den nachfolgenden Generationen erhalten.

Die Ergebnisse dieser archäologischen Rettungsgrabung bei Vogelbeck wurden in einer Sonderausstellung zusammen gefasst und der Öffentlichkeit vorgestellt. Präsentiert wurde die Ausstellung in der Schalterhalle der Kreissparkasse Einbeck, im Landesmuseum in Hannover und in der Eingangshalle des Kreistagsgebäudes in Northeim.

Es wurde sehr deutlich gezeigt, das auch Heute noch mit Verhältnismäßig geringen finanziellen Mitteln eine großflächige Ausgrabung durchgeführt werden kann. Einige Hilfskräfte von der Stadt Einbeck, der engagierte Amateurarchäologe Reinhard Kopp, die hochmotivierte Archäologin Frau Ursula Werben, und der besonderst einsatzfreudige archäologische Fachmann Herr M. D. Schön M. A., der das nötige Fachwissen auf die Mitarbeiter übertrug, machten dies möglich.

Die gewonnenen Erkenntnisse über die Siedlungsweise und Lebensgewohnheiten der hier ansässigen Menschen können dies gut belegen.

 

Im Herbst 1982 fand R. Kopp auf dem Feld direkt neben einer Sandgrube, zwischen der B3 und dem ehemaligen Zementwerk, einige vorgeschichtlich anmutende Scherben. Als im Sept. 1983 ein Bagger den Mutterboden von diesem Feld abschob, erinnerte er sich an die Scherbenfunde und beobachtete die Baggerarbeiten. Der unter diesem Feld anstehende Buntsandstein sollte als Filterschicht in den Damm des Leinepolders eingebracht werden. Schon bald legte der Bagger erste schwarze Verfärbungen frei, in denen er Scherben, Holzkohle und Hüttenlehm fand. Dieses meldete er der Kreisbeauftragten für archäologische Denkmalpflege des Landkreises Northeim Fr. U. WERBEN.

Sie kontrollierte die abgeschobene Fläche am 19.und 20. Sept. 1983 und stellte fest, dass es sich hier um einen vorgeschichtlichen Siedlungsplatz handelte und datierte die Scherben in die vorrömische Eisenzeit. Nach Rücksprache mit dem zuständigen Bezirksarchäologen in Braunschweig organisierte sie eine Notgrabung. Da das Wetter, wegen extremer Trockenheit, im Herbst 1983 eine Grabung fasst unmöglich machte, wurde die Siedlungsfläche so weit es ging kartiert. Matthias D. SCHÖN M. A. besichtigte im Herbst 1983 diese Siedlungsstelle. Es wurde beschlossen mit der Grabung am 1.April 1984 zu beginnen. Wegen Schneefall musste der Grabungsbeginn um eine Woche verschoben werden. Mit Unterstützung der Stadt Einbeck durch Personal und Material konnte während einer 14-tägigen Grabung der am meisten gefährdete Bereich der Siedlung ausgegraben werden.

In kleinen Schritten ging die Grabung im Verlaufe des Jahres weiter und kam im Herbst 1984 zum Abschluss. Die Siedlung "Auf dem Nahwege" lag am rechten Leineufer etwa 800 m westlich der Vogelsburg und ist wahrscheinlich, ebenso wie die Siedlung auf dem "Jeinser Feld" mit der Burg in Zusammenhang zu bringen. Auf einer 1,2 Hektar großen Fläche wurden ca. 220 Siedlungsgruben freigelegt und auf einem Lageplan eingetragen. Immer wenn zusammenhängende Befunde zu erwarten waren wurden kleine Flächen sorgfältig geputzt, um eventuelle Zusammenhänge zu erkennen. Ebenso wie bei der Grabung auf dem Jeinser Feld wurden auch hier zahlreiche trichterförmige Siedlungsgruben, sogenannte Kegelstumpfgruben angetroffen. Hier reichten sie bis zu einer Tiefe von etwa 1,80 m unter Gelände Oberkante. Aus den Siedlungsgruben entnommene Bodenproben wurden von Dr. U. WILLERDING Universität Göttingen (bot. Makroreste) untersucht. Die in den Gruben gefundenen Tierknochen von Dr. May Universität Braunschweig bestimmt.

Im mittlerem Bereich der Grabungsfläche, wo der Bagger den Lössboden nicht ganz so tief beseitigt hatte, gelang es, die Pfostengruben zweier kleinerer Bauten und den Grundriss eines Grubenhauses freizulegen.

alt

alt

alt

 

Die vier- b. z. w. fünfpaarigen Pfostenreihen hatten die Ausmaße von 2 X 6 m und 3 X 4 m . Auf Grund ihrer geringen Größe können sie nur als Nebengebäude größerer Häuser angesehen werden, von denen einzelne Pfostengruben, aber keine Zusammenhänge erkennbar waren. Ein hervorragender Befund der Grabung war ein in den Boden eingetieftes Grubenhaus mit einer Größe von 3 x 4 m. Am äußerem Rand der Verfärbung waren im Boden deutlich dunkle Standspuren von Spaltbohlen im Abstand von etwa 30 cm zu erkennen. Herr SCHÖN schloss daraus, dass diese mit Geflecht versehen, und mit Lehm beworfen die äußere Wand des Hauses darstellten. Dieses Grubenhaus wurde im Modell 1 zu 10 von K. Lehners Bederkesa und in einer Teilkonstruktion 1 zu 1 von R. Kopp nachgebaut.


 Im Südwestbereich der Grabungsfläche befand sich in einer Grube eine größere Menge verziegelter Hüttenlehm. Dieser hatte auf einer Seite Abdrücke von Flechtwerk und war auf der anderen Seite glattverstrichen und gewölbt. Man schloss daraus, dass es sich hier möglicherweise um einen Bienenkorbähnlichen Töpferofen handeln könnte. Eisenschlacken und der Rest eines eisernen Messers zeigen die Verarbeitung von Eisen auf dieser Siedlung an.


Die Datierung dieser eisenzeitlichen Siedlung war allein durch die umfangreichen Keramikfunde möglich, wobei einige schwarz glänzende, mit einem einfachen Rollrädchen verzierte Scherben besonders hervorzuheben sind und eine Datierung in die Jahrzehnte um Chr. ergaben.

alt

alt

alt

Quelle:   

U. WERBEN und Matthias D. SCHÖN Die Kunde N. F. 37, 1986, S. 299-314.                                                                                                                                                                                                                                                             Eine Diaserie über die Ausgrabung befindet sich in der Heimatstube Vogelbeck